Der Tag an dem du gingst…

Und dann war es still. Alles um mich herum lief weiter, die Welt drehte sich weiter, doch ich war ganz ruhig. Es war als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich wusste es, doch konnte ich es nicht wahrhaben. Wie denn auch? Von einem Moment zu anderen warst du weg. Nicht mehr da. Meine heile Welt begann zu schwanken. Ein Loch brach auf und ich fiel hinein. Es wurde dunkel um mich herum.
Meine Welt zerbrach und ich wusste, dass selbst wenn ich sie wieder zusammenbaue, sie nie wieder die gleiche sein würde.

Und mir wurde bewusst: Ich werde nie mehr dein Lachen hören, deinen Atem spüren, deine warme Haut berühren, deinen Gang sehen, dich in den Arm nehmen können. Du bist weg. Für immer…
Und dass mir vor den Sprüchen graut, jenen die besagen, dass du in meinem Herzen weiterlebst. Ich schrie, dass du wieder kommen sollst, doch kein Laut kam über meine Lippen. Ich war regungslos, bewegungslos, still.

Viele Dinge mussten dann organisiert werden, sie lenkten mich von dem Schmerz ab. Ich musste stark sein, dass war ich dir schuldig. Ein letztes Mal von dir Abschied nehmen. Der letzte Abschied.
Dein Lieblingslied wehte durch die Hallen. Ich wusste noch wie du damals mitgesungen hast. Voller Freude und Glück! Ich hätte mir niemals gedacht, dass es das Lied sein würde, bei dem ich „Auf Wiedersehen“ sage.
Die Beileidsbekundungen zogen an mir vorbei. Ich wusste, dass es vielen egal war, dass du nicht mehr da bist, und sie es nur sagten, weil man sowas eben tut. Niemand konnte mir den Schmerz nehmen, niemand ihn leichter machen. Du bist weg. Nicht mehr da.

Und nun stehe ich am Grab, lange Zeit danach und frage mich, wie das alles geschehen konnte. Wie ich es geschafft habe, weiter zu atmen, wie ich lachen konnte, obwohl ich weiß, du bist aus meinem Leben gerissen. Wie ich träumen konnte, ohne an dich zu denken. Als du gegangen bist, hast du ein Stück von mir mitgenommen. Ich bin nicht mehr die selbe Person, die ich einmal war. Was wurde aus unseren Plänen?
Du fehlst. In jedem Atemzug den ich mache, jeden Schritt den ich gehe, vermisse ich dich. Ich versuche mir einzureden, dass das Leben nun mal so ist und jeder einmal gehen muss. Aber warum du? Warum konntest du nicht noch bei mir bleiben. Mit mir lachen, singen, tanzen und träumen. Selbst wenn ich noch einmal mit dir streiten könnte, ich würde es tun. Um einfach deine Stimme zu hören, um deinen Duft wahrzunehmen…

In schlimmen Momenten rede ich mir ein, du stehst auf der anderen Seite. Du kannst mich sehen, aber ich dich nicht. Hin und wieder schickst du mir Zeichen, doch ich weiß nicht, ob ich sie mir nur einbilde. Wie siehst du jetzt aus? Hast du deine schönen Hände noch, die Falten um deine Augen? Oder bist du wieder jung? Vielleicht bist du aber auch nur Farben und Wirbel. Interessierst du dich überhaupt noch für mich? Bist du da? Liebst du mich immer noch? Oder existierst du gar nicht mehr?
Ich sage mir, dass du auf mich aufpasst, du mich beschützt. Du auf der anderen Seite des Fensters stehst und mich anlächelst und auf mich wartest. Und wenn es soweit ist, du mich hinüber begleitest. Mich in den Arm nimmst.
Alles in mir schreit nach dir!

Doch du bist weg. Was mir bleibt sind Erinnerungen und Schmerz. Schmerz, der nicht geheilt werden kann. Auch nicht durch loslassen. Du wurdest aus meinem Leben gerissen und nichts kann dich ersetzten.

Die Tränen rinnen über mein Gesicht und reißen die Wunde weiter auf.
Du bist nicht mehr da. Du kommst nicht wieder.

Wo auch immer du bist:

Ich liebe dich!

Du stehst da und die Tränen rinnen wie Bäche an deinen Wangen hinunter. Du versuchst mit aller Macht, sie zurückzuhalten. Ich weiß woran du gerade denkst, ich sehe es dir an. Und wie gerne würde ich dir deinen Schmerz nehmen. Dir sagen, dass alles gut werden wird.
Deine Gedanken rasen durch unsere gemeinsamen Erinnerungen. So viel haben wir miteinander erlebt. Wunderbare Momente, über die ich alle so dankbar bin.

Die Tränen werden weniger, sie versiegen, aber ich kenne dich. Der Schmerz bleibt. Ich habe eine Leere hinterlassen, die ich jetzt nicht und auch kein anderer füllen kann.

Ich weiß um deine Gefühle. Ich weiß, dass du mich manchmal hasst, weil ich gegangen bin. Dass du mich anschreien und schütteln möchtest, dass ich dir so etwas angetan habe. Wäre es anders herum gewesen, ich hätte genau gleich reagiert.

Ich stehe hier, neben dir. Du bist so unerreichbar. Vieles würde ich dir noch so gerne sagen. Viele unausgesprochene Dinge mit dir besprechen. Tausend Sachen, für die wir nie Zeit hatten. Aber ein Satz ist mir unendlich wichtig, ich möchte, dass du ihn hörst:
Ich liebe dich!

Die Zeit heilt nicht alles; aber sie rückt vielleicht das Unheilbare aus dem Mittelpunkt.
(Ludwig Marcuse)

2 Kommentare
  • Eveline

    Antworten

    Also liebe Anna, während des Lesens kamen mir so viele Tränen dass ich aufhören musste mit Lesen. Ich habe jedes deiner Worte ganz tief in meinem Herzen gespürt. Hab ich doch einige Menschen und ein 4beiniges Seelchen gehen lassen müssen in den letzten Jahren. Welche ich so sehr geliebt hab. Es tut heute noch weh. Das Loslassen probiert man aber das Gelingen dieses Prozesses ist schwer. ♥️

    • Anna

      Anna

      Liebe Eveline! Ich möchte da garnicht viel drauf sagen. Trauer ist ein großes schweres Gefühl, dass uns nie loslassen wird… Aber es zeigt uns, dass wir Menschen und Tiere lieben!!! Ich drücke dich ganz fest ♥️

Schreibe einen Kommentar