Die geraubte Freiheit

Wer sagt „Hier herrscht Freiheit“ der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.

Das Holz knisterte und Funken stoben aus dem Feuer. Das Geräusch beruhigte mich und ich begann mich endlich ein wenig zu entspannen. Der Tag war anstrengend gewesen. Stundenlanges im-Sattel-sitzen und das Brennen der Sonne im Nacken… Ich griff zu meiner Flasche neben mir und trank einen tiefen Schluck daraus. Und wie immer zog sich mein Gesicht beim dem Geschmacks des scharfen Alkohols zusammen.
„Mich wundert es, dass du dieses Zeug immer noch trinkst“, gluckste mein Reisegefährte und zeichnete mit einem Ast Muster in den Sand. Ich schnaubte und sah mir meinen Gefährten an. Seine Kleider waren zerschlissen und dreckig von einer langen Reise, die er vermutlich schon lange bevor wir uns kennen lernten, angetreten ist. Sein Pferd sah jedoch gut genährt und stark aus. Immer wieder habe ich ihn beobachtet und bemerkt, dass er sehr einfühlsam mit seinem Reittier umging. Zuerst das Pferd, dann der Reiter – nach dem Motto verrichtete er seine Tätigkeiten. Doch auch das Sattel- und Zaumzeug wies viele Gebrauchsspuren auf und bestätigte mich in der Annahme, dass die beiden schon einen längeren Zeitraum hier im Westen unterwegs waren. Woher sie kamen? Ich hatte keine Ahnung. Wir waren beide nicht gerade die Redseligsten. Stilles nebeneinander herreiten und gelegentliches besprechen der Reiseroute, sowie der Wacheinteilung in der Nacht – das waren unsere einzigen Gespräche. Er war ein Fremder sozusagen und dennoch vertraute ich ihn mein Leben an. Ich hatte schon oft darüber nachgedacht, warum ich mit dem Fremden, von dem ich nicht mal seinen Namen wusste, durch die Berge zog.
Ich musste mir ein Grinsen unterdrücken, als ich an unsere erste Begegnung dachte. Ich war wieder einmal völlig hitzköpfig mit einem Farmer zusammengekracht, der mir den Weg aus der Stadt mit seinem Karren versperrte. Der Fremde musste uns wohl einige Zeit beobachtet haben, denn als er zu uns trat, schnappte er sich einfach mein Pferd, welches ich achtlos hinter mir stehen gelassen hatte, um den Farmer auf den Pelz zurücken und marschierte mit ihm am Zügel in die entgegengesetzte Richtung. Ich war so erstaunt und verblüfft, dass ich nichts weiter sagen und tun konnte, als ihm hinterher zu laufen und ihn zu fragen, was er denn eigentlich da vorhatte. Er antwortete kurz und knapp: „Dir eine neue Richtung zeigen“ und ging weiter. Lauthals den neuen Gegner meines Vorhabens anschreiend, lief ich ihm hinterher. Weshalb ich ihm die Zügel nicht einfach aus der Hand riss, verwundert mich immer noch, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Fremde nur Gutes im Sinne hatte.
Nach einem kurzen Lauf und weiteren Schimpfens, blieb der Fremde mit meinem Pferd endlich stehen und reichte mir die Zügel mit den Worten „Der Weg den du siehst, ist nicht immer der einzige“.
Ich sah ihn mit großen Augen an und dachte bei mir, dass er wohl zu tief ins Glas geschaut hatte. Doch dann wanden sich meine Augen zur Seite und ich bemerkte, dass ich am Rande der Stadt stand, auf den Weg blickend, den ich eigentlich gehen wollte, bevor mir der Farmer den Weg versperrte, nur eine Straße weiter. Erstaunt blickte ich ihn an. Er zog seinen Hut tief ins Gesicht und schwang sich auf sein Pferd. Gerade als er davonreiten wollte, platze aus mir heraus „Warum?“
Er drehte sich im Sattel um und meinte „Manche Menschen benötigen lediglich einen Schubs in eine Richtung.“
Gebannt starrte ich ihn an und wartete auf eine weitere Antwort seinerseits. Doch seine braunen Augen starrten zurück und so blickten wir uns wortlos an.
Nach ein paar Sekunden des Anschweigens sagte ich, dass ich in Richtung Westen müsste. Seine Augen begannen zu glitzern und er antwortete mir, dass auch er dorthin müsste und ja, so zogen wir gemeinsam gen Westen. Ich weiß nicht genau, warum ich mich ihm angeschlossen habe, was mich so an dem Mann faszinierte, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es wichtig wäre.
„Du lächelst?“, holte mich der Fremde aus meinen Gedanken zurück. „Ja, ich musste an unsere erste Begegnung denken…“ und dann wieder Schweigen.
Ich wollte mich gerade zu meinem Nachtlager begeben und ein wenig ausruhen, als ich wieder die Stimme meines Gefährten vernahm: „Warum also trinkst du immer noch dieses Zeug, wenn es dich doch augenscheinlich so sehr ekelt?“ Völlig baff über diese Frage und vor allem, dass er überhaupt mit mir redete, drehte ich mich um und zuckte mit den Achseln.
„Das ist also deine Antwort? Ein Achselzucken, welches ich als ein >Ich weiß es nicht< werte?“
Immer noch geschockt über die vielen Worte, die mich in der Finsternis trafen, sagte ich: „Ich, nun ja, also…. Eigentlich… Weißt du, das war…, ach keine Ahnung, warum interessiert dich das überhaupt?“
„Nun, ich beobachte dich schon eine Weile und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass du gar nicht so richtig bemerkst, was du da eigentlich den ganzen Tag so tust.“
Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen – wie sollte ich nicht bemerken was ich tat? Was sollte diese Scheiße? Was motze mich der Fremde eigentlich so an? „Ach, halt einfach die Klappe“, war meine Antwort und ich legte mich auf meine Decke. „Hitzköpfig, stur, eingebildet und auch noch völlig aus der Bahn…“, murmelte der Alte, aber noch so laut, dass ich ihn hören konnte. Mir platze der Kragen „Was willst du eigentlich von mir?“ rief ich, stand auf und meine Hand fuhr zum Revolver, der an meiner Hüfte hing.
„Was hältst du von Freiheit?“, war seine Antwort. Das war nun wirklich nicht das, was ich erwartet hatte und völlig verdutzt ließ ich meine Hand vom Revolver sinken und starrte ihn an. „Was?“, fragte ich ihn.
„Wie wichtig ist dir Freiheit?“
„Nun, Freiheit ist alles was ich habe. Ich entscheide, wohin ich gehe, ich sage, was ich will und was nicht. Also halte ich viel vom Frei sein.“ Meine Neugier war geweckt und so ließ ich mich auf das Spiel des alten Mannes ein.
„Und du bist der Annahme, dass du frei bist?“ – „Ja, natürlich“.
„Und du lässt anderen auch ihre Freiheit?“ Die Frage überraschte mich. Was hatte denn die Freiheit der anderen mit meiner zu tun? „Ich denke schon, ja.“
Lange war wieder nur das Knistern des Feuers zu hören. Als ich dachte, dass unsere Unterhaltung beendet sei und ich mich wieder hinlegen wollte, fragte der Fremde: „Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass keiner hier frei ist? Oder zu mindest nur wenige.“ Bei dieser Frage lächelte der Mann. Es war das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah und es erstaunte mich, dass seine Zähne makellos weiß waren. „Ich… also… nun ja… was?“ Völlig irritiert blickte ich ihn an. Was sollte eigentlich das Ganze? Wochenlanges Schweigen und nun ein Pläuschen über Freiheit? Hatte mir der Alkohol meine Sinne vernebelt? Ich beschloss kurzerhand dieses miese Zeug doch endlich sein zu lassen.
„Ich würde dich als einen alten Irren betiteln“, sagte ich. Kurzes Schnauben und wieder Stille. Langsam aber sicher fragte ich mich, ob nicht doch ich derjenige war, der hier irre war…
Der Fremde stand auf und ging zu seinem Pferd. Langsam über die Nüstern streichelnd, meinte er „Ich habe mich immer nach einem Leben in völliger Freiheit gesehnt. So wie die wilden Pferde hier. Niemand sagt einem was zu tun ist, was richtig und falsch ist. Wie ein Leben ablaufen soll. Die Tiere handeln nur nach ihrem Instinkt und dieser sagt ihnen, völlig desinteressiert was die anderen von ihm denken, was gerade zu tun ist. So ein Leben wünsch ich mir.“
Die lange Aneinanderreihung von Worten und dann auch noch mit so viel Sinn, erstaunte mich und ich setze mich wieder ans Feuer. So viel Philosophie hätte ich dem Mann gar nicht zu getraut. „Also mein Freund“ – nannte er mich gerade >Freund<?! – „Was hältst du von Freiheit? Ist man frei, wenn man sich an Richtig und Falsch orientiert?“
„Ich weiß es nicht“, war meine Antwort.
„Gibt es eine richtige und eine falsche Lebensweise? Und wenn ja, wer bestimmt sie? Die größte Menge? Jene, die töten können? Jene, die das meiste Geld verdienen? Wann lebt jemand richtig und wann stempeln wir seine Lebensweise als falsch ab? Und kann man überhaupt richtig leben, wenn es so viele verschiedene Auffassungen von richtig leben gibt? Welcher wird man gerecht und welche lässt man links liegen? Und verliert man seine Freiheit, wenn man nach Regeln lebt?“ Während der alte Mann redete, streichelte er immer noch den Kopf seines Pferdes. Ich fuhr mir durch mein Haar und dachte über seine Worte nach. „Über solche Dinge habe ich noch nie nachgedacht“, antwortete ich.
„Ist es richtig, dass wir Fremden unsere Lebensweise aufzwingen, nur weil wir glauben richtig zu leben? Wieso leben sie falsch?“ Die Stimme des Mannes wurde leiser.
„Ich denke, dass Regeln und Gesetze in unsere Gesellschaft notwendig sind, damit wir ein friedliches Miteinander haben.“ Diese Antwort meinerseits klang mir recht plausibel.
„Gesetze halten Gesetzesbrecher nicht zurück. Sie behindern lediglich diejenigen, die die Gesetze ohnehin nicht brechen würden, schränken ihre Freiheit ein und tragen zur Verwirrung im Leben derjenigen bei, die durch Angepasstheit die Billigung anderer zu erreichen versuchen.* Also nein, Gesetze und Regeln sind nicht da um ein miteinander zu haben. Sie kontrollieren nur und bestrafen.“
Die Antwort schockte mich bis ins Tiefste! Nach seinen Worten war unsere ganze Gesellschaft auf Freiheitsberaubung ausgelegt?
„Weißt du, ein Indianer sagt einmal zu mir >Freiheit, echte Freiheit erreichst du erst dann, wenn dir egal ist, was andere von dir denken. Wenn du dein Leben so lebst, wie es sich für dich richtig anfühlt – dann kannst du sagen du hast in Freiheit gelebt.<“ Stille. „Und um nochmal auf die Gesetze zurück zu kommen – haben wir durch sie mehr Frieden als ohne? Bekämpfen wir uns nicht tagtäglich gerade wegen den Gesetzen? Wegen den Regeln, an die wir uns halten müssen? Weil wir allen in unserem Umfeld unsere >richtige< Lebensweise aufzwingen wollen? Wäre die Welt nicht eine friedlichere, wenn wir leben dürften, so sein könnten, wie wir sind und dadurch Frieden in uns selbst finden?“
„Du sprichst von einer Welt ohne Regeln und Gesetze? Das würde in einem totalen Chaos enden!“ Mehr und mehr hatte ich das Gefühl mit einem Verrückten zu reden.
Mein Reisegefährte ließ von seinem Pferd ab und kehrte zu mir ans Feuer zurück. Er blickte mich an und zum allerersten mal sah ich die tiefen Falten in seinem Gesicht, die von einem langen und arbeitsreichen Leben erzählten. „Wenn wir so leben könnten wie wir wollen, wenn es kein Richtig oder Falsch gäbe, dann wären wir so glücklich und friedlich, dass es keine Gesetze und Regeln braucht. Wenn wir endlich aufhören würden, anderen durch Taten und Worten unsere Lebensweise aufzwingen zu wollen, würden wir in Frieden leben. Da bin ich mir sicher.“
Er schaute mich an und ich erkannte so viel Schmerz in seinen Augen, so viel Verlust und geraubte Lebenszeit. Tränen stiegen in mir auf und ich musste sie hart hinunterschlucken. Ich räusperte mich und sagte „Ein solches Leben wäre wunderbar.“ Und ich dachte an all die Situationen, an denen ich gegen mich selbst gehandelt hatte, an denen ich zugelassen hatte, dass ich mich von mir selbst abgewendet habe, weil es die Gesellschaft so wollte. Ich dachte an all die Menschen, denen ich die Freiheit geraubt hatte, weil ich ihnen meine Lebensweise aufgezwungen hatte. Und an meine geraubte Freiheit.
Ich blickte den Mann an und fragte „Wie heißt du eigentlich?“
„Joshua“






*Quelle: The Law of Attraction – Liebe von Esther und Jerry Hicks
Titelbild – Foto und Bearbeitung: Richard Schnabler

2 Kommentare
  • Avatar

    Eveline

    Antworten

    ❤️ Was für ein wundervoller Beitrag ❤

    • Anna

      Anna

      Vielen dank liebe Eveline <3

Schreibe einen Kommentar